Im Alltag nach Gott Ausschau halten

Im Alltag nach Gott Ausschau halten - Mann guckt in ein Fernrohr

Im Alltag nach Gott Ausschau halten

Die Kirche feiert in diesen Tagen das Fest der Darstellung des Herrn. Simeon sieht Jesus und lobt Gott mit den Worten: „Meine Augen haben das Heil gesehen“ (Lk 2,30). Das Heil findet sich in Jesus, in Gott, der unter den Menschen wohnt. Aber wo kann ich dieses Heil in meinem Leben sehen?

Seit der Adventszeit begleitet mich das geistliche Tagebuch des belgischen Jesuiten Ägied van Broeckhoven (1933-1967). Er war Arbeiterpriester und arbeitete in einer Fabrik. 1967 kam er bei einem Arbeitsunfall ums Leben. Sein Tagebuch wurde nach seinem Tod publiziert und in viele Sprachen übersetzt. Auf Deutsch heißt es „Freundschaft in Gott“. Freundschaft ist ein wichtiges Thema für Ägied. So wichtig, dass das Buch auf Schwedisch sogar den Titel „Sakrament der Freundschaft“ bekam. Freundschaft ist für Ägied ein Ort, an dem Gott begegnet werden kann, wo Gott verborgen anwesend ist, wo er erlebt werden kann.

Besonders zum Nachdenken gebracht hat mich das, was er über das Gebet schreibt, wie er Gebet versteht. An einer Stelle schreibt er: „Wenn wir nicht beten, liegt das nicht daran, dass wir nicht gemeinsam Messe feiern oder dass wir keine Kapelle haben oder festgesetzte Gebetszeiten, sondern eher daran, dass wir zu selbstzentriert sind.“

Gebet ist also die Öffnung auf andere hin. Mich selbst öffnen, dort wo ich bin. Das ist der Rahmen, der Gebet braucht, der Rahmen, der wichtiger ist als der eigentliche Ort oder eine bestimmte Zeit. Diese Dinge mögen helfen, aber sind nicht das Entscheidende. Beten scheitert an meiner Einstellung, meiner Selbstzentriertheit. Beten wird als Offenheit für Anderes verstanden.

An einer anderen Stelle schreibt Ägied: „Das Problem des Gebetslebens ist nicht: Wie soll ich beten? Wann soll ich beten? Sondern: Wie erreicht mich Gott? Wann erreicht mich Gott?“ Spannend finde ich hier diesen Perspektivwechsel: Es bin nicht ich, der aktiv ist beim Beten, sondern Gott, der versucht mich zu erreichen. Gott ist der, für den ich mich öffne im Gebet, auf den ich Aufmerksam werde, wenn ich bete.

Das Ergebnis dieses sich Öffnens für Gott im Gebet zeigt sich in der Definition des Gebetes, die Ägied formuliert: „[Gebet ist] die existentielle Suche nach Gottes Gegenwart.“

Ägied arbeitete in einer Fabrik. Ein Arbeitsalltag, den ich mir kaum vorstellen kann. Vermutlich geprägt von einer großen Anstrengung und einer gewissen Eintönigkeit, aber auch von der Unruhe, dass etwas passieren könnte. Er selbst kam ja auch bei einem Arbeitsunfall ums Leben.

Mitten in diesem Alltag scheint er es geschafft zu haben, sich zu öffnen und nach Gottes Gegenwart Ausschau zu halten. Er konnte seine Freundschaften und Begegnungen mit anderen Menschen auf diese Weise deuten und in ihnen Gott begegnen.

Gott gibt es eben nicht nur in der Kirche und im expliziten Gebet. Jeder kann seinen Alltag zu einem Gebet machen durch Offenheit für diese Perspektive Gottes im Leben. Gott ist es, der uns erreichen will, der sich uns mitteilen möchte.

Das Jahr 2015 ist noch jung. Vielleicht können Offenheit und auch Dankbarkeit für besondere Begegnungen und Augenblicke in unserem Alltag helfen, die Perspektive zu weiten: Von mir selbst zu den anderen und hin zu Gott.

Gott ist gegenwärtig in unserer Welt, in unserem Alltag: Es gilt diese Gegenwart zu finden. Mir hilft es, mir am Ende des Tages bewusst zu machen, welche Begegnungen gewesen sind, welche Ereignisse statt gefunden haben, welche Gefühle ich den Tag über hatte und so bewusst Gott zu sagen: „Ich bin hier, ansprechbar und offen für dich, zeige mir deine Gegenwart heute.“ So kann mein Alltag, mein Leben mein Gebet werden. So kann mein Alltag, mein Leben meine existentielle Suche nach Gottes Gegenwart werden und von dieser Gegenwart geprägt werden.

Gottes Segen und seine Gegenwart für das, was vor uns liegt!

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