Reden befreit

1maedchenredenGeistlicher Impuls zum Pfingstfest 2015

Alle wurden erfüllt vom Heiligen Geist, und sie begannen zu reden. Halleluja. (VIII) Off 19,1-7
(Antiphon zum Canticum aus der Zweiten Vesper zu Pfingsten)

Was für eine wunderbare Vorstellung: Menschen fangen vom Geist erfüllt an, miteinander zu reden und sie beginnen, einander zu verstehen. Viele Bahnreisende dürfen sich an diesem Wochenende freuen, dass sie Ihr Pfingstwochenende doch entspannt angehen können: Die Züge werden doch fahren, weil die Verantwortlichen von Gewerkschaft und Bahn wieder miteinander ins Gespräch kommen, sich verständigen, Lösungen finden wollen.

Aussprechen von Gefühlen und Bedürfnissen

Wer sich in einer vertrackten Situation traut, das Gespräch mit dem Partner oder der Partnerin, mit Kollegen, mit dem Chef zu suchen, sich ein Herz fasst – vom Geist erfüllt – der erfährt: Reden hilft. Es befreit aus dem Gefühl, nicht verstanden zu werden, nicht das zu erreichen, was ich wollte. Wenn ich mich unverstanden fühle, unbeachtet vielleicht, meine Bedürfnisse nicht erfüllt werden, dann ist es häufig schon ein lohnender Schritt, meine Gefühle zu benennen und wenn ich kann, meine Bedürfnisse zu äußern. Woher soll der oder die andere sonst auch wissen, was bei mir los ist? Auch wenn das erste Gespräch vielleicht noch keine endgültigen Lösungen hervorbringt, so ist zumindest ein erster Schritt getan und ich kann für mich feststellen: ich habe das, was mich bewegt oder bedrückt hat, mitgeteilt. Ich muss es nicht länger für mich alleine behalten, sondern habe es geteilt.

Freude und Leid teilen

Dieses Gefühl gilt für schwierige Dinge genauso wie für Freude! Wieviel mehr erfreut eine gute Nachricht, wenn ich sie mit denen teile, die sich mit mir freuen können: ich habe den neuen Job bekommen, ich habe die Prüfung bestanden, unser Kind ist gesund zur Welt gekommen, Christus ist auferstanden und er bleibt auch weiterhin mit seinem Geist bei uns! Als die Jünger auf dem Weg nach Emmaus sind, trösten sie sich gegenseitig, indem sie über das sprechen, was sie miterleben mussten. Ihr Freund und Meister wurde ermordet, ihre großen Hoffnungen sind dahin. Als Jesus dazukommt, wird ihnen im Gespräch mit ihm deutlich, dass das alles so kommen musste – und am Ende erkennen sie ihn, nicht einfach nur im Brotbrechen, sondern durch alle seine Worte auf dem Weg: das Gespräch hat sie befreit und wieder froh gemacht. An Pfingsten erfahren auf einmal alle diese befreiende Kraft des Wortes, des miteinander Sprechens und sich Verstehens.

Schweigen ist mächtig, aber Sprechen befreit

Die Freude darüber hält nicht ständig an, es gibt die dunklen Zeiten des Unverständnisses, man kann es täglich sehen in Streit, Krieg, Beziehungscrash, auch in den Debatten darüber, wie es in der Kirche weitergehen soll. Das Unverständnis ist real. Das Schweigen zwischen Menschen, Gruppen, Parteien, die sich eigentlich gerne verständigen würden, ist real und kann sehr mächtig sein. Es wird auch gezielt genutzt, um Verständnis zu verhindern und eigene Macht zu bewahren. Der Geist Christi kann bewirken, wenn wir es denn zulassen, dass die Worte hervorsprudeln, dass Menschen anfangen zu reden und die Macht des Schweigens und des Unverständnisses durchbrechen. Ich muss nicht verstanden werden, man muss mir nicht zustimmen. Es genügt häufig schon, wenn ich spreche und mir jemand zuhört. Ich muss auch nicht verstehen, ich muss nicht zustimmen. Es genügt häufig schon, wenn ich einfach zuhöre. Dann verändert sich alles. Der Geist Christi schenkt Veränderung und Befreiung. Halleluja!

 

Der Autor Matthias Alexander Schmidt ist Theologe, Journalist und pädagogischer Begleiter.

Wir wünschen allen Lesern ein frohes und vom Geist erfülltes Pfingstfest!

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