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Einmal ein Esel sein…

donkey-609985_1920Geistlicher Impuls zur Fastenzeit 2016 von Michael Raab

Wer mich kennt, wird jetzt vielleicht denken: “Einmal? – der ist doch oft genug ein (dummer) Esel!” Stimmt – mal wieder einen Termin vergessen; sich mal wieder Monate nicht gemeldet; mal wieder einen völlig unnötigen Streit vom Zaun gebrochen; mal wieder denen, die ich lieb habe, so ganz und gar nicht gezeigt, dass das so ist oder mal wieder mich echauffiert über Kirche und Welt.

In diesem Jahr, wo Weihnachten und Ostern so dicht beieinander liegen, ist mir der Esel besonders in Gedanken. Eben noch unterwegs nach Betlehem, an der Krippe und auf dem Weg nach Ägypten, jetzt schon bald beim Einzug in Jerusalem. Auch an anderen Stellen in der Schrift kommt uns der Esel zu Augen, etwa bei Jesaja (1,3) oder in der Geschichte Bileams (Num 22,21ff).

Störrisch ist er, der Esel, aber gar nicht negativ, wie es für mich in den genannten Situationen gilt. Im Gegenteil: Störrisch eher im Sinn von standhaft. Bei Jesaja ist der Esel Vorbild für die Menschen, denn der Esel kennt “die Krippe seines Herrn”. Bei Bileam hat die Eselin den Blick für das Wesentliche, nämlich für Gott selbst. Kein Wunder, dass einst der Messias auf einem solchen Tier reiten soll (Sar 9,9), wie es sich tatsächlich erfüllt.

Bevor es beim Einzug in Jerusalem soweit ist, sagt Jesus etwas, das mich zur Überschrift und zu meinem Wunsch für die Fastenzeit dieses Jahres gebracht hat. Bei Markus heißt es: “Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sobald ihr hineinkommt, werdet ihr einen jungen Esel angebunden finden, auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet ihn los und führt ihn her.” (Mk 11,1f).

Ich lese das so, dass Christus am Esel eine ganz einfache Sache schätzt, ihr schlichtes Da-Sein. Jesu Jünger können sich darauf verlassen, einen Esel einfach anzutreffen. Es kommt auf Präsenz an. Esel sind keine Fluchttiere, sie trotzen Gefahren durch Stehenbleiben und halten dadurch Optionen offen, diesen oder jenen Weg einzuschlagen, ohne dass damit einer Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet wäre.

Die Schrift und der Herrgott scheinen etwas übrig zu haben für diese Tiere. Matthias Kamann schrieb in der Welt deshalb einmal: “Offenbar hat Gott nichts dagegen, sondern schätzt es, wenn man dabei zur Melancholie neigt, wenn man zögert, wenn man zaudert, statt felsenfest überzeugt loszugaloppieren.” Wie oft poltere ich einfach los… “Wenn man gerade aus diesem Abwarten die Kraft zieht, da zu sein, sobald man gebraucht wird. Präsent zu sein, um zu tragen. Die schwangere Mutter des Herrn. Den Heiland als Säugling auf dem Weg nach Ägypten. Den Erlöser in den Tagen vor seinem Kreuzestod. Präsent zu sein aber auch, um Jesus einfach anzuschauen, wie er da in der Krippe liegt. Und wie schon gesagt: ohne es dabei nötig zu haben, immerzu erwähnt und belobigt zu werden.” Das wäre eine Haltung…

Mich und meine Haltung zu überprüfen ist meine Aufgabe für die Fastenzeit, meinen Mitmenschen und Gott gegenüber. Umkehr braucht diese Überprüfung, damit es kein “losgallopieren” wird um des Laufens willen. Mein Ziel und mein Wunsch dafür, für die diesjährige Fastenzeit und für mein Leben? Präsent sein für den Herrn und seine Pläne mit mir. – Einmal ein Esel sein!

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