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Die heilige Leerstelle

Wo feiern Sie am liebsten Ostern? Und warum?

Wo lässt sich am besten Ostern feiern? Vielleicht auf den Osterinseln? In Rom, mit dem päpstlichen Ostersegen? Oder doch gleich in Jerusalem, am Ort des Geschehens? Am Heiligen Grab, das nur wenige Meter vom Felsen Golgatha entfernt verehrt wird?

Immerhin pilgern Menschen seit Jahrhunderten dorthin, um dem Ort nahe zu sein, an dem Jesus gestorben ist und beigesetzt wurde. Immer wieder haben Menschen ihr Blut vergossen und sogar gemordet, um diese Grabesstätte zu erreichen.

Paradox an der ganzen Sache: Die heiligste Stätte der Christenheit, der Ort unserer Erlösung, ist …. leer! Keine Reliquien, keine Knochen, nicht einmal Teile eines Knochens sind dort zu finden. Christen feiern sozusagen eine Leerstelle. Sie feiern, dass jemand nicht da ist.

Und damit sind wir wohl beim tiefsten Geheimnis unseres christlichen Glaubens angelangt: Wir feiern, dass im Grab Jesu nicht ein einziger Knochen übrig blieb. Mit anderen Worten: Dass mit dem Karfreitag das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Dass die Gesetze der Natur nicht endgültig sind, sondern dass es immer noch anders geht. Anders als ich denke, anders als ich es je erwartet hätte, anders als ich es mir in meinen kühnsten Träumen vorstellen kann. Seit Ostern glauben wir, dass sich alles verwandeln kann – selbst der Tod.

Damit sind Leid, Schmerz und Tod nicht aus der Welt – der Golgatha-Felsen in der Grabeskirche steht wie ein Mahnmal für die Not der Menschen, die sich auch weiterhin tagtäglich millionenfach ereignet. Christlicher Auferstehungsglaube leugnet nicht das Kreuz, aber er hofft auf seine Verwandlung in Leben – vor dem Tod und nach dem Tod.

Wo also Ostern feiern? Vielleicht an den „Kreuzigungsorten“ und „Gräbern“ unserer Zeit. Vielleicht gemeinsam mit Menschen, die noch auf die Verwandlung ihres Lebens, auf ihre persönliche Auferstehung warten. Die darauf hoffen, dass in ihrem Leben etwas anders wird. Und dass auch ihre „Gräber“ irgendwann leer sein werden.

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