Jesus darf nicht sterben

Geistlicher Impuls zur Karwoche von Matthias Alexander Schmidt

karwoche17Jedes Jahr an Karfreitag, während das Evangelium vorgelesen wird, kommt bei mir dieselbe diffuse Hoffnung auf: Diesmal muss Jesus nicht sterben. Jemand hat Mitleid mit ihm, oder noch besser: Alle sehen ein, dass es Unrecht und falsch ist, ihn zu töten – und Jesus überlebt.

Vom Abendmahlssaal bis zum Kreuz ist die Geschichte so spannend geschrieben, häufig auch so dramatisch vorgetragen oder gesungen. Wie im Hollywood-Film müsste der Held am Ende doch überleben. Auch wenn alles gegen ihn spricht. Es gibt so viele Momente, in denen sich alles ins Gegenteil drehen könnte:

Judas könnte einfach am Tisch sitzen bleiben statt loszugehen und Jesus zu verraten. Im Garten könnte er sich noch umentscheiden, Jesus einfach nicht küssen. Jesus müsste nicht fragen „Wen sucht Ihr?“, um dann „Ich bin es“ zu sagen. Vom Hohepriester, wo eigentlich jeder einsehen müsste, dass Jesus keine Schuld nachgewiesen werden kann bis zu Pilatus, der sich von der Menge nicht umstimmen lassen müsste – alles könnte sich zum Guten wenden. Selbst am Kreuz hätte Jesus noch Möglichkeiten. Er könnte – wozu ihn die verspottende Menge anstachelt – vom Kreuz heruntersteigen.

Natürlich weiß ich, wie die Geschichte ausgeht. Ich weiß auch, dass die Lektoren nicht etwas anderes erzählen können als das, was im Text steht. Im Roman „Die Bibel nach Biff“ von Christopher Moore, einem fiktionalen Jesus-Epos, haben Jesu Jüngerinnen und Jünger genau dieselbe Sehnsucht wie ich. Sie wollen Jesus retten.

Erst versuchen sie, ihn selbst umzustimmen, er soll nicht nach Jerusalem gehen. Als das nicht klappt, schicken sie eine Kontaktperson, um mit Pilatus zu verhandeln. Doch das hilft nichts. Schließlich mischen sie heimlich Gift in den Wein, den Jesus am Kreuz vom Schwamm trinken wird. Das Gift soll ihn lähmen und tot erscheinen lassen. Sobald sein Körper vom Kreuz abgenommen ist und die Römer außer Reichweite sind – so der Plan – soll Petrus ihn heilen. Doch der Römer mit der Lanze kommt ihnen zuvor und tötet Jesus.

Blöderweise bin ich Theologe und weiß: Kein Ostern ohne Auferstehung, keine Auferstehung ohne Tod. Jesus weiß das auch. Die Evangelien werden nicht müde, darauf hinzuweisen: Jesus wusste alles, was geschehen sollte. Und die Jünger versuchen bis zuletzt, seinen Tod zu verhindern. Das spricht mich mehr an als die theologischen Erklärungen. In der Rückschau – nach der Auferstehung – kann man die Folter und den brutalen Mord leicht theologisch verklären. Auf einmal wird dann Jesu Tod irgendwie etwas Gutes. Das sehe ich nicht so. Der Tod am Kreuz bleibt schlecht. Auch wenn ich einsehe, dass es im Nachhinein irgendwie sein musste und Gutes bewirkt hat:

Ich will nicht, dass Jesus stirbt.

Der Autor ist Theologe, freier Journalist und pädagogischer Begleiter.

Discussions

  1. Constanze Kriesel Reply

    Jesu Kreuzigung ist und bleibt schlecht,

    sie repräsentiert unser menschliches Verhalten,
    denn letztendlich sind wir Menschen, diejenigen,
    die diese Entscheidung gemeinschaftlich trafen.

    Gott Vater ließ es zum Äussersten kommen, Gott Sohn gab sein Einverständnis,
    denn Gott kennt uns Menschen besser, als wir uns mitunter selbst kennen.

    Die Kreuzigung ist und bleibt schlecht, weil sie zeigt,
    wozu wir Menschen eigenverantwortlich fähig sein können.

    Ihren Sinn findet die Kreuzigung, indem sie jeden von uns lehrt,
    nachzudenken, über eigenes Verhalten,
    über den Umgang mit unserem Mitmenschen und Eigenverantwortung
    bei allen Entscheidungen.
    Wollen wir mit unseren Entscheidungen Leid verursachen?
    Bedenken wir die Konsequenzen unseres Tuns und unserer Worte?

    Die Kreuzigung und der Leidensweg Christus Jesu zeigen uns auf,
    dass uns Leid und Elend nicht töten werden,
    sondern uns IHM ein Stück näher bringen werden.

    Für mich ist Jesus kein Opfer, sondern Vorbild.
    Er wurde zum Geschenk für die Welt, die ihn nicht haben wollte und
    er beugte sich dem Willen der Menschheit sowie dem Willen Gottes,
    er bezeugte mit seinem Lebens-Leidensweg,
    wie unser Glaube in NächstenLiebe aussehen kann.

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