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„Meine“ Wüste entdecken

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In jener Zeit trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium. (Mk 1,12-15)

Diese Stelle aus dem Markusevangelium hören wir am ersten Fastensonntag. Es ist eine Art Ouvertüre oder Überschrift über die österliche Bußzeit, die auch Fastenzeit genannt wird. Dieser Textabschnitt ist für unsere Ohren sehr bekannt und wird häufig gelesen. Trotzdem ist mir dieses Mal etwas aufgefallen. Markus berichtet, dass Jesus 40 Tage in der Wüste war, aber er sagt nichts davon, dass Jesus auch gefastet hat. Matthäus und Lukas hingegen schreiben, dass Jesus in diesen 40 Tagen sehr wohl gefastet hat und danach auch Hunger hatte. Trotz dieser Unterschiede ist es aber wohl relativ sicher, dass Jesus in dieser Zeit wahrscheinlich wirklich nichts gegessen hat, zumindest nicht sehr viel, denn er war schließlich in der Wüste. In diesem Punkt sind sich die drei Evangelisten einig. Die Wüste ist ein öder, karger und leerer Ort. Dies scheint mir der zentrale Aspekt zu sein: die Wüste als ein Ort der Leere. (mehr …)

Fastenzeit – das meinst du doch nicht ernst!?

tumblr_n21lqySL9D1st5lhmo1_1280Zwei Schriftstücke sind mir dieser Tage wieder einmal in die Hände geraten: Die Fastenbotschaft Papst Franziskus‘ und der Vierte der „Briefe über Selbstbildung“ von Romano Guardini.

Allenthalben findet der Papst zu dem, was er sagt große Zustimmung, die mich ehrlich freut. In seiner diesjährigen Botschaft zu Fastenzeit wiederholt er eine Forderung, die er schon oft in den vergangenen Monaten an uns gerichtet hat:

„Es bedarf dringend einer Umkehr der Gewissen zu den Werten der Gerechtigkeit, der Gleichheit, der Genügsamkeit und des Teilens.“

In meinen Ohren höre ich den Applaus aller Welt und sehe mich zustimmend diese Zeilen des Papstes lesen. Aber erfasse ich eigentlich, will ich eigentlich erfassen, was Franziskus mir da sagt? Mit diesem Satz und mit seiner Forderung nach einer armen Kirche?
Romano Guardini hält mir schonungslos den Spiegel vor: „Schon oft ist davon gesprochen worden, alles müsse natürlich und einfach werden […] Wir müssten bedürfnislos werden und ihr [der Welt] den Weg zeigen. Vielleicht haben wir sogar das große Wort von der Armut gesprochen, vom heiligen Franziskus geredet und gemeint, sein Geist der Armut, der königlichen Freiheit müsse erwachen. Aber: Haben wir davon gesprochen, wenn wir satt waren, und uns da die großen Worte, die heroischen Stimmungen erhaben durch die Seele gehen lassen? Oder aber, wenn es zu Hause knapp zuging, haben wir da mit Fröhlichkeit vorlieb genommen und der Mutter durch ein vergnügliches Gesicht ihre Sorgen erleichtert? Du verstehst, hier liegt der ganze Unterschied. Das erste waren Redensarten, das zweite Ernst.“ (mehr …)

Die Quelle aller Heilung

Die Sünder sind die Heiligen

 

Krankheit und Aussatz

© José Luiz Bernardes Ribeiro / CC-BY-SA-3.0

© José Luiz Bernardes Ribeiro / CC-BY-SA-3.0

Der 11. Februar ist der Gedenktag unserer Lieben Frau von Lourdes. Tausende Menschen pilgern ständig an den Marienwallfahrtsort in Frankreich, dessen Quellwasser schon zahlreiche Leute geheilt haben soll. Nur die allerwenigsten werden von ihren körperlichen Leiden befreit. Die meisten werden seelisch gestärkt. Die pilgernde Weggemeinschaft, das gemeinsame Gebet und ihr Glaube heilen sie innerlich. Der Aussätzige im Markusevangelium am Sonntag fällt vor Jesus auf die Knie und sagt: „Wenn du willst, kannst Du machen, dass ich rein werde“ (Mk 1,40) – dieser Glaube an die Kraft Jesu bewegt viele Menschen, auf der Suche nach ihrem Heil, nach Heilung nach Lourdes zu kommen.

Die Krankheit des Aussätzigen, der Aussatz, war ein echtes soziales Problem, das mit radikaler gesellschaftlicher Ausgrenzung verbunden war. Das beschreibt das alttestamentliche Buch Levitikus, in dem es viel um strenge hygienische Vorschriften geht: Aussätzige sollen abseits wohnen und lautstark ihre Unreinheit in die Welt schreien: „Der Aussätzige, der von diesem Übel betroffen ist, soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungepflegt lassen; er soll den Schnurrbart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein!“ (Lev 13, 45)

Ausgrenzung und Integration

Wer sind eigentlich die Aussätzigen in der heutigen Gesellschaft? Behinderte Menschen, Obdachlose, Bettler, Schwerkranke, Arbeitslose, Alkoholiker, Drogen- oder Suchtkranke, alte Menschen, Andersgläubige…? Die Liste von regelmäßig und strukturell Ausgegrenzten ließe sich vermutlich lange fortsetzen. Wen grenzen wir aus, wen grenze ich aus? Von wem halte ich mich fern und warum eigentlich? Es bringt nichts, mich selbst auf einer moralisierenden Schiene zu verurteilen, denn es sind gesellschaftliche Strukturen, die zu Diskriminierung und Ausgrenzung führen. Eine persönliche Verantwortung kann ich aber trotzdem nicht leugnen, denn ich bin immer Teil dieser Gesellschaft.

Die Heilung, die Jesus dem Aussätzigen schenkt, ist in erster Linie eine gesellschaftliche Rehabilitierung. Die neu gewonnene Reinheit integriert den Menschen wieder in die „normale“ Gesellschaft. Jesus kann als Vorbild dienen, wie ich mit ausgegrenzten Menschen umgehen darf und womöglich auch soll.

Integrierte oder ausgegrenzte Christen?

Wenn sich Christen und Kirche in der Nachfolge Christi sehen und diesem Anspruch gerecht werden wollen, müssen sie sich die Frage gefallen lassen, ob und wie sie Leute hinein-holen und einladen. Welche Menschen werden von der Kirche ausgegrenzt? Integrieren unsere Gemeinden und die Strukturen der Kirche die Unreinen, Aussätzigen und gescheiterten Menschen dem Vorbild Jesu gemäß? Wie funktioniert das zum Beispiel mit Menschen, deren Lebensentwurf schiefgegangen ist? Priester, die es nicht geschafft haben, den Zölibat durchzuhalten; Partner, deren Ehen kaputt gegangen sind; Menschen, die nicht der gesellschaftlich anerkannten und normierten Sexualität und Lebensform genügen? Ist es okay, sie als Abgefallene, Ehebrecher oder Sünder zu bezeichnen?

Unreinheit und Heiligkeit

Die Logik der Ausgrenzung funktioniert so: der Ausgegrenzte ist unrein, deshalb mache ich mich selbst unrein, wenn ich mich in seine Nähe begebe und gerate selbst in die gesellschaftliche Stigmatisierung, wenn ich zulasse, mit einem Unreinen gesehen zu werden. Die Begegnung mit Jesus durchbricht diese Logik und dreht sie um: die Begegnung mit Jesus heilt und macht nicht sündig, sondern heilig. Wenn wir glauben, dass Jesus in den Ausgegrenzten ist, ist es ein zweifacher Dienst, auf sie zuzugehen. Zuerst ein Dienst an ihnen, wenn wir sie in unsere Gemeinschaft einladen und damit ihrer Ausgrenzung ein Ende machen, und dann: ein Dienst an uns selbst, weil wir durch die Begegnung mit ihnen Christus begegnen.

Das Paradox von Sünde und Heiligkeit

Der Sünder wird zum Heiler, – die Ausgegrenzten sind die Heilenden, die mich und sich zu Ge-Heilten, zu Heiligen machen. So funktioniert es wohl auch in Lourdes: egal, mit welchem Leiden, welcher Krankheit, welcher Unreinheit ich mich auf den Weg mache, ich begegne Christus in dem Leid derjenigen, mit denen ich gehe und in meinem eigenen Leiden. Die eigentliche Heiligung geschieht dann, wenn ich in Krankheit und Leid Jesus erkenne. Das Symbol dafür ist die reinigende Waschung an der Quelle in Lourdes, denn der Quell aller Heiligkeit und die Quelle aller Heilung ist Christus selbst.

Der Glaube an Christus lebt vom Paradoxen. Christen sehen den zu Tode verurteilten Verbrecher am Kreuz und sagen: das ist das Heil der Welt, er nimmt alle unseren Sünden weg. Wir sehen ein kleines Stück Brot und sagen: das ist Jesus Christus, unser Heiland. Wir lesen von Menschen geschriebene Worte und sagen: Worte des lebendigen Gottes. Wir sagen: das Grab ist leer, der Tote lebt und ist auferstanden. Schwerkranke, unheilbare Menschen berühren französisches Quellwasser und fühlen sich geheilt.

So kann es vielleicht auch in der Fastenzeit gehen. Ich faste, verzichte, schränke mich ein und sage: das ist das Leben in Fülle.

Der Autor Matthias Alexander Schmidt ist Theologe, Journalist und pädagogischer Begleiter.